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Philipp
von Kleve, Herr zu Ravenstein
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Herzog
Adolfs von Kleve Enkel Philipp, der einzige Nachkomme seines zweiten
Sohnes Adolf und der Beatrix von Portugal, wurde im Jahre 1456 geboren,
zu Le Quesnoy in der Grafschaft Hennegau - so sagt Philipp selbst in
seiner biografischen »Proposicion« - zu Brüssel - so wird berichtet
in einer Chronik von Brabant und Flandern. Das
genaue Datum steht nicht fest, jedoch muss die Geburt vor dem 11.
November 1456 gewesen sein, weil Beatrix von Portugal an diesem Tage
nachweislich beim Empfang des Dauphin Ludwig in Brüssel zugegen war.
Philipp
wuchs am burgundischen Hofe zusammen mit der fast gleichaltrigen Maria
von Burgund, der Tochter Karl's des Kühnen, auf. Bei der nahen
Verwandtschaft zum Hause Burgund und der Stellung seines Vaters Adolf
von Kleve-Ravenstein in der burgundischen Staatshierarchie schien ihm
eine geruhsame Laufbahn vorbestimmt zu sein. Der unerwartete Tod Karl's
des Kühnen vor Nancy schuf jedoch mit einem Schlage eine gänzlich veränderte
Situation in Europa. Die einzige Erbin der burgundischen Länder
bestellte den im 6. Grade verwandten »Vetter« nebst seinem Vater Adolf
von Kleve zum Generalstatthalter des burgundischen Reiches, das sich von
der Nordsee bis an die Rhone erstreckte und eines starken Arms bedurfte.
Philipp fiel damit die Aufgabe zu, der mit dem Tode Karl's
ausgebrochenen kriegerischen Wirren Herr zu werden, die darauf
abzielten, Teile der Länder aus diesem Reich loszulösen und sie
Frankreich einzuverleiben. Obgleich
Philipp insgeheim damit gerechnet hatte, Maria von Burgund als Gattin
heimführen zu können, entledigte er sich auch nach der Verehelichung
Maria's mit Maximilian von Österreich, dem Sohne des deutschen Kaisers
Friedrich III. dieser Aufgabe gegenüber dem Ehegemahl Maria's in aller
Loyalität. Als die flandrischen Städte gegenüber Maximilian
aufbegehrten und Brügge ihn sogar gefangen hielt, stellte Philipp sich
den Städten sogar als Geisel zur Verfügung und erreichte dadurch, dass
Maximilian auf freien Fuß gesetzt wurde. Den
zum Generalkapitän von Flandern ernannten Philipp brachte Maximilian
von Österreich in einen schweren Gewissenskonflikt, als er nach seiner
Befreiung aus der Haft den gegenüber den flandrischen Städten
abgelegten Eid brach und gegen Brügge und Gent zu Felde zog. Aus
Loyalität gegenüber den flandrischen Städten, denen er bei der
Freilassung Maximilians sein Wort verpfändet hatte, glaubte Philipp
sich den flandrischen Bürgern in dem ihnen aufgezwungenen Kampfe zur
Verfügung stellen zu müssen. Das brachte ihm den kaiserlichen Bann
ein, weil die Städte französische Hilfe in Anspruch genommen hatten. Der
Kampf führte zunächst zu einem vollen Erfolg für Philipp, der während
dreier Jahre mit seiner inzwischen angetrauten Gattin Francoise von
Luxemburg in Brüssel residieren konnte. Philipp musste Brüssel im
Jahre 1489 jedoch überstürzt verlassen, als der deutsche Kaiser
Friedrich III. mit starken Kräften heranrückte, um die aufständischen
Städte wieder unter die Botmäßigkeit seines Sohnes Maximilian zu
bringen. Eine Amnestie, die ihm von Maximilian angeboten wurde, schlug
er jedoch aus. Er zog sich in das stark befestigte Sluis zurück, das
als Zitadelle von Brügge galt, und verteidigte sich hartnäckig drei
Jahre lang, bis er im Jahre 1492 vor der Obermacht der Kaiserlichen
kapitulieren musste. In
dem Gefühl, dass sein Platz nach diesen Misserfolgen nicht länger in
Burgund sein konnte, wo alle Parteien ihm mit Misstrauen begegneten,
begab er sich an den Hof seines Vetters Ludwig von Orleans, der im Jahre
1498 überraschend als Ludwig XII. Den franzosischen Tron(bestiegen
hatte. Als Ludwig XII. im Jahre 1499 auszog, um die Pläne seines Vorgängers
Karl VIII. in Italien und im Orient weiterzuverfolgen, stellte Philipp
sich seinem Vetter zur Verfügung und begleitete ihn zusammen mit dem
Vetter aus Nevers, Engelbert von Kleve, nach Italien. Nach der
erfolgreichen Besetzung des Herzogtums Mailand und Genuas wurde Philipp
von Ludwig XII. zum Vizekönig ernannt mit Residenz in Genua. Bald
setzte der französische König ihn jedoch bei der Verwirklichung seiner
weiterreichenden Pläne ein. Philipp wurde mit dem Titel eines Admirals
von Genua an die Spitze einer Flotte gestellt, die den siegreichen
Sultan Bajazet II. zur Rechenschaft ziehen sollte, der gerade eine
venezianische Flotte vernichtet hatte. Er eroberte zunächst Neapel und
segelte dann weiter zum Orient. Auf der Insel Lesbos gelandet belagerte
er Mitylene, musste diese Belagerung aber nach zwei fruchtlosen
Eroberungsversuchen aufgeben, weil das verbündete Venedig und die
Spanier es an der notwendigen Unterstützung fehlen ließen. Auf
dem Rückweg nach Italien erlitt das Schiff Philipps vor der Insel
Kythera Schiffbruch. Philipp konnte sich mit nur wenigen Gefährten
retten und war genötigt, einen Monat lang zwischen halbwilden
Schafhirten zu verbringen, bis ihn eine venezianische Galeere, die zufällig
auf der Insel landete, nach Tarent brachte. Wenn
die Expedition Philipps auch nicht das gesteckte Ziel verwirklichen
konnte, so hatte sie doch den Türken zum Bewusstsein gebracht, dass sie
bei weiteren Angriffen auf Italien damit rechnen mussten, im eigenen
Lande angegriffen zu werden. Der Papst Alexander VI. erwies Philipp von
Kleve daher, als er auf dem Wege nach Genua den Vatikan besuchte, die höchsten
Ehrungen. Obgleich
Philipp in Genua großes Ansehen genoss, kehrte er nach einigen Jahren
des Vizekönigtums in seine flandrische Heimat zurück. Seines Bleibens
in Ravenstein und den übrigen Besitzungen war jedoch nicht lange, weil
während seiner Abwesenheit in Genua ernste Unruhen ausgebrochen waren.
Auf den erneuten Appell Ludwigs VII., ihm mit seinen politischen und
militärischen Erfahrungen zu Diensten zu sein, kehrte Philipp am 15.
August 1505 nach Italien zurück. Er zog mit königlichem Gepränge in
Genua ein, legte sein Amt jedoch im Oktober desselben Jahres nieder,
weil er zu der Überzeugung gekommen war, dass die französische
Herrschaft über die unruhige Stadt nur noch mit Gewalt aufrecht zu
erhalten gewesen wäre. Da
Philipp sich unterdessen dem 50. Lebensjahre
näherte, zog er sich nach einem vorübergehenden Aufenthalt am Hofe
seines Vetters Ludwig von Frankreich in Blois endgültig in die Heimat
zurück. Er wurde am burgundischen Hofe, an dem Margarete von Österreich
während der Minderjährigkeit des späteren Karl's V. regierte, wenn
auch vielleicht nicht in Gunst, so doch in Gnaden aufgenommen. Sein
langgehegter heißer Wunsch, Ritter
des Ordens vom Goldenen Vlies
zu werden, dem schon sein Vater Adolf von Kleve und sein Onkel Johann
von Kleve angehört hatten, ging jedoch nicht in Erfüllung. Auf dem
Ordenskapitel vom 25. Oktober 1516 verweigerte der Rat Philipp die
Aufnahme, weil man ihm nachtrug, mit den flandrischen Städten gegen
Maximilian gekämpft und Frankreich favorisiert zu haben. Philipp
lebte hinfort abseits der großen Politik auf seinen Schlössern
Wynendale und Ravenstein, war aber ebenso häufig in den von seiner Frau
ererbten Stadtpalais von Brügge und Gent anzutreffen. In Brüssel
diente ihm das von seinem Vater geplante und von ihm selbst vollendete
prunkvolle Hotel Ravenstein als Residenz, das heute noch als das einzige
mittelalterliche Adelspalais - in Brüssel - in seiner ganzen Ausdehnung
erhalten ist. Zu seinen Liebhabereien zählten das Sammeln von Gemälden,
Skulpturen, Tapisserien und wertvolle Möbeln. Die Nachlassinventare
veranschaulichen den ungeheuren Reichtum seiner Sammlungen, zu denen
auch eine ausgedehnte Bibliothek gehörte. Einer der Hauptschätze
dieser Bibliothek, das mit kostbaren Miniaturen ausgestattete »Stundenbuch
des Philipp von Kleve«, wird seit einigen Jahren wieder in Brüssel
aufbewahrt, nachdem es im Laufe der Jahrhunderte seinen Besitzer
wiederholt gewechselt hatte und schließlich aus Amerika zurückgekauft
werden musste. Zu den Gemäldesammlungen müssen auch die Porträts von
Philipps Vater, Adolf von Ravenstein, die heute in London und Altena
(Leihgabe der Sammlung Preußischer Kulturbesitz) aufbewahrt werden, und
das wundervolle Ölporträt Philipps gehört haben, das sich im Museum
Conde von Chantilly befindet. Philipp
sollte aus seiner Zurückgezogenheit noch einmal ins Rampenlicht der Öffentlichkeit
treten, als der fünfzehnjährige - nachmalige deutsche Kaiser - Karl
von Österreich das Erbe seines Vaters als Herzog von Burgund und König
von Kastilien antrat und Philipp wieder an den burgundischen Hof berief.
Schon vor diesem Zeitpunkt dürfte die Abhandlung Philipps über die
Kriegsführung zu Lande und zur See mit dem Titel »lnstructions de
toutes manières de guerroyer tant par terre que par mer« entstanden
sein, die er Karl V. mit den Worten widmete: »données
a Charle Roi de Castille par Philippe Duc de Clèves, Comte de la Marcke
Seigneur de Ravenstein«. Die
letzten fünf Jahre seines Lebens brachte Philipp hauptsächlich auf
Schloss Wynendale zu, das seine Großmutter Maria von Burgund bei ihrer
Verheiratung mit Herzog Adolf von Kleve als Mitgift in die Ehe
eingebracht hatte und das seinem Vater bei der Erbteilung mit seinem
Bruder Johann l. im Jahre 1449 zugewiesen worden war. Auf Schloss
Wynendale war es auch, wo ihn im Alter von wahrscheinlich 71 Jahren
(wegen des fehlenden Geburtsdatums lässt sich nicht feststellen, ob
Philipp das 72. Jahr bereits erreicht hatte) der Tod mitten aus dem
Leben abberief. Es
war am 28. Januar
1528 gegen 8 Uhr abends, als Philipp sich in heiterer Stimmung seinen Gästen
widmete, die er auf Schloss Wynendale eingeladen hatte. Er hatte eben zu
seiner Umgebung scherzhaft gesagt: »Mir scheint, dass ich niemals
sterbe«, als ihn der Schlag traf. Eine Stunde später tat er den
letzten Atemzug. Philipp
hatte, da seine Ehe kinderlos geblieben war, den zweiten Sohn seines
Vetters Herzog Johann II. von Kleve namens Adolf adoptiert und mit
Wynendale belehnt. Da Adolf im Jahre 1525 unverehelicht in Spanien
starb, setzte er für einen Teil seines Vermögens, darunter die
Herrlichkeit Ravenstein, Wilhelm von Kleve, den Sohn Herzog Johanns III.
von Kleve, zu seinem Erben ein. Welche Hindernisse seitens des Hauses
Burgund zu überwinden waren, bis Wilhelm das Erbe antreten konnte,
schildert ausführlich der klevische Chronist Johannes Turck. Es dauerte
volle fünf Jahre, bevor im Mai 1533 der »afscheid« erfolgen konnte,
»dat hertog Wilhelmen dat schlot stadt und herlicheit Ravenstein sampt
alle tohoir solde ingedain werden, dieselve to gebruiken als her Philips
van Ravenstein letzt overleden, und seine vorsaten die gebruickt hadden«. Wilhelm erbte aber auch die Häuser in Gent und Brügge sowie das Brüsseler Hotel Ravenstein, deren wertvolle Möbel von Turck besonders hervorgehoben werden. Im Brüsseler Hotel Ravenstein unterbrach Anna von Kleve ihre Reise, als sie auf dem Wege nach England war, um sich mit Heinrich VIII. zu vermählen.
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